Cyber Resilience Act: Compliance-Roadmap für Hersteller und Importeure
7. Februar 2026, 15 Min. Lesezeit
CRA-Anforderungen an Entwicklung: SBOM, Schwachstellen-Management, Update-Pflicht und CRA-konforme CI/CD-Pipelines. Praxisleitfaden für Entwicklungsteams.
Ab dem 11. Dezember 2027 darf kein Produkt mit digitalen Elementen mehr auf den EU-Markt gebracht werden, das die Anforderungen des Cyber Resilience Act (CRA) nicht erfüllt. Für Softwarehersteller bedeutet das: Security by Design ist keine Best Practice mehr – es ist Gesetz.
Die Konsequenzen bei Nichteinhaltung sind erheblich: Bis zu 15 Millionen Euro oder 2,5% des globalen Jahresumsatzes. Marktaufsichtsbehörden können den Verkauf stoppen oder Rückrufe anordnen. Und die Anforderungen betreffen nicht nur das fertige Produkt, sondern den gesamten Entwicklungsprozess – von der ersten Codezeile bis zum letzten Sicherheitsupdate.
Dieser Artikel zeigt Ihnen, was der CRA konkret für Ihre Softwareentwicklung bedeutet, welche Pflichten auf Sie zukommen, und wie Sie Ihre CI/CD-Pipelines CRA-konform aufstellen.
Der CRA richtet sich an Hersteller von "Produkten mit digitalen Elementen". Das umfasst jede kommerzielle Software, die auf dem EU-Markt vertrieben wird – ob als Standalone-Anwendung, Firmware, SaaS mit Client-Komponente oder eingebettete Software in Hardware.
Die zentrale Anforderung: Produkte müssen während ihres gesamten Lebenszyklus sicher sein. Das beginnt beim Design, geht über die Entwicklung und reicht bis zur Außerbetriebnahme. Artikel 13 des CRA definiert die Pflichten des Herstellers – und die sind umfassend.
| Anforderung | CRA-Artikel | Frist |
|---|---|---|
| Security by Design | Art. 13 (1) | Ab Inkrafttreten |
| Schwachstellen-Management | Art. 13 (6) | Ab Inkrafttreten |
| SBOM-Erstellung | Art. 13 (5) | Ab Inkrafttreten |
| Update-Bereitstellung | Art. 13 (8) | Min. 5 Jahre |
| Meldepflicht bei Schwachstellen und Vorfällen | Art. 14 | Gilt seit 11.09.2026, Frühwarnung binnen 24h |
| Technische Dokumentation | Anhang VII | Vor Inverkehrbringen |
Für eine umfassende Übersicht zum CRA-Compliance-Prozess: CRA Compliance im Detail.
Eine Software Bill of Materials (SBOM) ist das Herzstück der CRA-Compliance für Entwicklungsteams. Sie dokumentiert alle Komponenten, aus denen Ihre Software besteht – ähnlich einer Zutatenliste bei Lebensmitteln.
Moderne Software besteht zu 70–90% aus Open-Source-Komponenten. Wenn eine Schwachstelle wie Log4Shell bekannt wird, müssen Sie innerhalb von Stunden wissen, ob Ihr Produkt betroffen ist. Ohne SBOM ist das ein manueller, fehleranfälliger Prozess, der Tage dauern kann. Mit SBOM dauert es Minuten.
Der CRA fordert in Artikel 13 (5), dass Hersteller eine SBOM erstellen und pflegen. Die EU-Kommission wird das genaue Format noch spezifizieren, aber zwei Standards haben sich etabliert:
| Standard | Herausgeber | Stärken | Verbreitung |
|---|---|---|---|
| CycloneDX | OWASP | Sicherheitsfokus, VEX-Support, leichtgewichtig | Stark wachsend |
| SPDX | Linux Foundation | ISO-Standard (ISO/IEC 5962:2021), Lizenz-Fokus | Etabliert |
Eine SBOM muss automatisiert generiert werden – manuelle Pflege skaliert nicht. Integrieren Sie die Generierung in Ihren Build-Prozess.
Minimale SBOM-Inhalte nach CRA:
Tools für die SBOM-Generierung:
| Tool | Open Source? | Unterstützte Formate | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| Syft (Anchore) | Ja | CycloneDX, SPDX | Breite Sprachunterstützung |
| Trivy (Aqua) | Ja | CycloneDX, SPDX | Kombiniert SBOM + Vulnerability Scan |
| cdxgen | Ja | CycloneDX | Speziell für CycloneDX optimiert |
| OWASP Dependency-Track | Ja | CycloneDX | SBOM-Management-Plattform |
Empfehlung: Generieren Sie die SBOM bei jedem Build und speichern Sie sie versioniert. So können Sie jederzeit nachweisen, welche Komponenten in welcher Produktversion enthalten waren.
Artikel 14 des CRA gilt seit dem 11. September 2026 und schreibt vor: Innerhalb von 24 Stunden nach Bekanntwerden einer aktiv ausgenutzten Schwachstelle müssen Sie eine Frühwarnung abgeben. Gemeldet wird über die Single Reporting Platform der ENISA, die Meldung erreicht gleichzeitig das koordinierende CSIRT (in Deutschland CERT-Bund beim BSI) und die ENISA (EU-Agentur für Cybersicherheit). Innerhalb von 72 Stunden folgt eine detailliertere Meldung. Dieselben Fristen gelten für schwerwiegende Sicherheitsvorfälle, dort ist der Abschlussbericht einen Monat nach der 72-Stunden-Meldung fällig. Das ist ambitioniert – und ohne strukturierte Prozesse nicht machbar.
| Zeitraum | Pflicht | Inhalt |
|---|---|---|
| 24 Stunden | Frühwarnung über die Single Reporting Platform | Hinweis auf die aktiv ausgenutzte Schwachstelle, Mitgliedstaaten, in denen das Produkt bereitgestellt wurde |
| 72 Stunden | Schwachstellenmeldung | Betroffenes Produkt, Art der Ausnutzung und der Schwachstelle, ergriffene Korrektur- und Risikominderungsmaßnahmen, Abhilfen für Nutzer |
| 14 Tage nach Verfügbarkeit einer Korrektur | Abschlussbericht | Beschreibung mit Schweregrad und Auswirkungen, Informationen zum Angreifer (falls verfügbar), bereitgestelltes Sicherheitsupdate |
Ein CRA-konformes Schwachstellen-Management umfasst fünf Kernelemente:
1. Kontinuierliches Monitoring: Überwachen Sie Ihre Abhängigkeiten automatisch auf neue CVEs. Tools wie Dependabot, Snyk oder OWASP Dependency-Track gleichen Ihre SBOM kontinuierlich gegen Schwachstellen-Datenbanken ab.
2. Triage und Priorisierung: Nicht jede Schwachstelle hat die gleiche Kritikalität. Nutzen Sie CVSS-Scores als Ausgangspunkt, aber bewerten Sie immer im Kontext Ihrer Anwendung. Eine kritische Schwachstelle in einer Bibliothek, deren betroffene Funktion Sie nicht nutzen, hat eine andere Priorität als eine mittlere Schwachstelle in einem exponierten Eingabepfad.
3. Koordinierte Offenlegung: Der CRA verlangt, dass Hersteller einen Prozess für die koordinierte Schwachstellen-Offenlegung (Coordinated Vulnerability Disclosure) etablieren. Das bedeutet: eine öffentlich erreichbare Kontaktmöglichkeit für Sicherheitsforscher, definierte Reaktionszeiten und eine Vulnerability Disclosure Policy.
4. Patch-Entwicklung und -Verteilung: Sicherheitspatches müssen zeitnah entwickelt, getestet und verteilt werden. Der CRA fordert, dass Patches kostenlos und separat von Feature-Updates bereitgestellt werden – Nutzer sollen nicht gezwungen sein, ein Feature-Update zu installieren, nur um eine Sicherheitslücke zu schließen.
5. Dokumentation: Jeder Schritt muss nachvollziehbar dokumentiert werden. Wann wurde die Schwachstelle bekannt? Wann wurde die Frühwarnung über die Single Reporting Platform abgegeben? Welche Maßnahmen wurden ergriffen? Diese Dokumentation ist bei einer Prüfung durch die Marktüberwachungsbehörde (in Deutschland das BSI) entscheidend.
Wie Sie Schwachstellen-Management in einen sicheren Entwicklungslebenszyklus einbetten: SSDLC – Secure Software Development Lifecycle.
Einer der folgenreichsten Aspekte des CRA: Hersteller müssen für mindestens 5 Jahre nach Inverkehrbringen Sicherheitsupdates bereitstellen. Oder länger, wenn die erwartete Produktlebensdauer es erfordert.
| Aspekt | Anforderung |
|---|---|
| Dauer | Min. 5 Jahre ab Inverkehrbringen jeder Version |
| Kosten | Updates müssen kostenlos sein |
| Trennung | Sicherheitsupdates separat von Feature-Updates |
| Zeitnah | "Ohne Verzögerung" nach Identifikation einer Schwachstelle |
| Dokumentation | Installationsanleitung und Änderungsprotokoll erforderlich |
Die strategische Konsequenz: Sie müssen Ihre Software so architektieren, dass Sicherheitsupdates auch nach Jahren noch möglich sind. Das bedeutet:
Die Behandlung von Open-Source-Software war einer der meistdiskutierten Aspekte bei der CRA-Verhandlung. Das Ergebnis ist differenziert – und für Unternehmen relevant.
Nicht betroffen sind Open-Source-Projekte, die ohne kommerzielle Absicht entwickelt werden. Ein Hobby-Projekt auf GitHub fällt nicht unter den CRA, selbst wenn es von Unternehmen genutzt wird.
Betroffen sind:
Wenn Sie Open-Source-Bibliotheken in Ihrem Produkt verwenden – und das tun Sie fast sicher – tragen Sie die Verantwortung für deren Sicherheit. Das bedeutet:
Praktische Empfehlung: Führen Sie eine Risikobewertung Ihrer Open-Source-Abhängigkeiten durch. Wie aktiv wird das Projekt gepflegt? Gibt es einen Security-Response-Prozess? Wie schnell werden Schwachstellen behoben? Projekte mit niedrigem Maintenance-Level in kritischen Pfaden sind ein CRA-Risiko.
Die größte Hebelwirkung für CRA-Compliance erzielen Sie, wenn Sie die Anforderungen direkt in Ihre CI/CD-Pipeline integrieren. Statt manueller Prüfungen vor jedem Release automatisieren Sie die Compliance-Checks als Quality Gates.
Eine CRA-konforme Pipeline erweitert den klassischen Build-Test-Deploy-Prozess um Sicherheits- und Compliance-Schritte:
| Pipeline-Stage | CRA-Relevanz | Tools |
|---|---|---|
| Pre-Commit | Secret Detection, Linting | detect-secrets, pre-commit hooks |
| Build | SBOM-Generierung | Syft, cdxgen |
| SAST | Statische Codeanalyse | SonarQube, Semgrep, CodeQL |
| SCA | Abhängigkeiten-Prüfung | Trivy, Snyk, OWASP Dependency-Check |
| DAST | Dynamische Tests | OWASP ZAP, Nuclei |
| Container Scan | Image-Sicherheit | Trivy, Grype |
| Compliance Gate | SBOM-Vollständigkeit, keine kritischen CVEs | Dependency-Track, Policy-Engine |
| Sign & Attest | Integritätsnachweis | Sigstore, cosign |
Definieren Sie klare Kriterien, wann ein Build die Pipeline passieren darf und wann nicht. Diese Gates müssen dokumentiert und auditierbar sein.
Empfohlene Quality Gates:
Wichtig: Ein Quality Gate, das permanent übergangen wird, ist wertlos. Definieren Sie einen klaren Eskalationsprozess, wenn ein Gate blockiert, und dokumentieren Sie jede Ausnahme mit Begründung und Risikobewertung.
Wie Security Champions in Entwicklungsteams diese Prozesse verankern: OWASP Security Champion Programm.
Der CRA fordert Integritätsschutz für die gesamte Software-Lieferkette. Das umfasst:
Zum Thema API-Absicherung in der Lieferkette: API Security für AI-Systeme.
Die technische Dokumentation nach Anhang VII des CRA ist umfangreich. Für Entwicklungsteams sind insbesondere folgende Nachweise relevant:
| Dokumentation | Inhalt | Empfohlenes Format |
|---|---|---|
| Sicherheitsarchitektur | Threat Model, Angriffsoberfläche, Schutzmaßnahmen | Architekturdiagramme, STRIDE-Analyse |
| SBOM | Alle Komponenten mit Versionen und Lizenzen | CycloneDX oder SPDX (maschinenlesbar) |
| Schwachstellen-Prozess | Meldewege, Reaktionszeiten, Eskalation | Prozessdokumentation, SLAs |
| Test-Ergebnisse | SAST, DAST, SCA, Penetrationstests | Automatisierte Reports aus CI/CD |
| Update-Historik | Alle Sicherheitsupdates mit Changelog | Versionierte Release Notes |
| Risikobewertung | Bewertung identifizierter Risiken und Mitigationen | Risiko-Register |
Automatisierung ist entscheidend. Generieren Sie so viel Dokumentation wie möglich automatisch aus Ihrer Pipeline. SBOM, Test-Ergebnisse und Schwachstellen-Reports lassen sich direkt aus den CI/CD-Tools exportieren. Das reduziert den manuellen Aufwand und stellt sicher, dass die Dokumentation immer aktuell ist.
Der CRA macht Security by Design zur gesetzlichen Pflicht. Das ist ein Paradigmenwechsel für Unternehmen, die Sicherheit bisher als nachgelagertes Thema behandelt haben. Aber es ist auch eine Chance: Wer seine Entwicklungsprozesse jetzt CRA-konform aufstellt, reduziert nicht nur regulatorische Risiken, sondern baut robustere Software.
Die drei wichtigsten Sofortmaßnahmen:
Die technischen Maßnahmen sind überschaubar. Die größere Herausforderung liegt in der organisatorischen Verankerung: klare Verantwortlichkeiten, dokumentierte Prozesse und eine Kultur, in der Sicherheit kein Hindernis ist, sondern integraler Bestandteil der Softwareentwicklung.
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