CRA und Softwareentwicklung: Security by Design als Pflicht
22. Februar 2026, 13 Min. Lesezeit
CRA-Überblick, Timeline, Produktkategorien und 5-Schritte-Roadmap. Pragmatischer Compliance-Leitfaden für Hersteller digitaler Produkte.
€15 Mio. Strafe oder 2,5% des weltweiten Jahresumsatzes. Das droht Herstellern, die digitale Produkte ohne angemessene Cybersecurity auf den EU-Markt bringen.
Der Cyber Resilience Act (CRA) ist seit September 2024 veröffentlicht und wird die Spielregeln für alle Produkte mit digitalen Elementen grundlegend verändern. Anders als NIS2 oder der EU AI Act zielt der CRA direkt auf die Produkte selbst -- nicht auf die Unternehmen, die sie betreiben.
Der Cyber Resilience Act ist eine EU-Verordnung, die verbindliche Cybersecurity-Anforderungen für alle Produkte mit digitalen Elementen einführt. Das umfasst sowohl Hardware mit eingebetteter Software als auch reine Softwareprodukte -- von IoT-Geräten über Betriebssysteme bis hin zu Passwort-Managern.
Das Ziel: Sicherheit wird zur Voraussetzung für den Marktzugang. Wer in der EU verkaufen will, muss Cybersecurity nachweisbar in Design, Entwicklung und den gesamten Produktlebenszyklus integrieren.
Warum jetzt? Die EU reagiert auf eine klare Realität: Rund 70% der Cyberangriffe nutzen Schwachstellen in Produkten aus, die mit unzureichenden Security-Standards auf den Markt gebracht wurden. Der CRA soll dieses systemische Problem an der Wurzel lösen.
| Datum | Meilenstein | Bedeutung |
|---|---|---|
| Sep 2024 | CRA im EU-Amtsblatt veröffentlicht | Gesetzgebung abgeschlossen |
| Nov 2024 | Inkrafttreten (20 Tage nach Veröffentlichung) | Fristen beginnen zu laufen |
| 11. Sep 2026 | Meldepflichten gelten (Art. 14) | Hersteller müssen aktiv ausgenutzte Schwachstellen und schwerwiegende Sicherheitsvorfälle melden |
| 11. Dez 2027 | Vollständige Compliance | Alle Anforderungen gelten, CE-Kennzeichnung verpflichtend |
Für Ihre Planung: Die Meldepflichten gelten seit dem 11. September 2026 (Art. 71 Abs. 2 CRA). Sie setzen funktionsfähige Prozesse für Schwachstellen-Management und Incident Response voraus. Wer diese Prozesse noch nicht hat, ist bereits heute im Verzug. Bis zur vollständigen Geltung am 11. Dezember 2027 bleibt nur ein gutes Jahr.
Der CRA richtet sich an die gesamte Lieferkette digitaler Produkte. Die Verantwortlichkeiten sind klar verteilt:
| Rolle | Pflichten | Beispiele |
|---|---|---|
| Hersteller | Design, Entwicklung, Konformitätsbewertung, Security-Updates für den gesamten Lebenszyklus (max. 5 Jahre) | Softwareunternehmen, IoT-Hersteller, Firmware-Entwickler |
| Importeure | Prüfung, dass Hersteller CRA-Anforderungen erfüllt, CE-Kennzeichnung vorhanden, Dokumentation verfügbar | Distributoren, die Produkte aus Drittstaaten in die EU einführen |
| Händler | Sorgfaltspflicht, dass Produkte CRA-konform sind, keine Modifikationen ohne Verantwortungsübernahme | Online-Marktplätze, Fachhändler, Systemhäuser |
Wichtig für Importeure: Wenn Sie Software oder Hardware aus den USA, China oder anderen Drittstaaten in den EU-Markt bringen, tragen Sie die volle Verantwortung dafür, dass die Produkte CRA-konform sind. Kann der Hersteller die Compliance nicht nachweisen, haften Sie.
Achtung: Open-Source-Komponenten in kommerziellen Produkten fallen trotzdem unter den CRA -- die Verantwortung liegt beim Hersteller des kommerziellen Produkts. Wer npm-Pakete, Python-Libraries oder andere Open-Source-Dependencies einbindet, muss deren Sicherheit gewährleisten und im Schwachstellenfall zeitnah reagieren.
Nicht jedes Produkt wird gleich behandelt. Der CRA definiert vier Kategorien mit unterschiedlichen Anforderungen an die Konformitätsbewertung:
| Aspekt | Details |
|---|---|
| Bewertung | Self-Assessment durch den Hersteller |
| Beispiele | Textverarbeitung, Foto-Apps, Spiele, einfache IoT-Geräte |
| Aufwand | Moderate Dokumentation, interne Prüfung |
| Aspekt | Details |
|---|---|
| Bewertung | Self-Assessment ODER harmonisierte Standards anwenden |
| Beispiele | Passwort-Manager, VPN-Software, Netzwerk-Management-Tools, SIEM-Systeme, Firewalls (privat) |
| Aufwand | Höhere Dokumentationsanforderungen, ggf. Standardkonformität nachweisen |
| Aspekt | Details |
|---|---|
| Bewertung | Third-Party-Assessment erforderlich (durch benannte Stelle) |
| Beispiele | Betriebssysteme, Hypervisoren, Firewalls (industriell/gewerblich), Intrusion Detection/Prevention, Router und Switches für industriellen Einsatz |
| Aufwand | Externe Zertifizierung, erheblicher Zeit- und Kostenaufwand |
| Aspekt | Details |
|---|---|
| Bewertung | EU-Cybersecurity-Zertifizierung verpflichtend |
| Beispiele | Smartcards, sichere Elemente (Secure Elements), Hardware-Security-Module (HSM), Smartcard-Reader |
| Aufwand | Höchste Anforderungen, EU-Zertifizierungsschema erforderlich |
Die Klassifizierung bestimmt den Aufwand: Für die Mehrheit der Produkte (Default-Kategorie) reicht ein Self-Assessment. Aber sobald Ihr Produkt eine Sicherheitsfunktion erfüllt oder in kritischen Umgebungen eingesetzt wird, steigen die Anforderungen erheblich. Die Einstufung orientiert sich an der Funktion und dem Einsatzkontext des Produkts -- nicht an der Unternehmensgröße des Herstellers. Ein kleines Startup, das ein VPN-Tool entwickelt, unterliegt denselben Anforderungen wie ein Konzern.
Annex I des CRA definiert die wesentlichen Cybersecurity-Anforderungen, die alle Produkte mit digitalen Elementen erfüllen müssen. Die wichtigsten im Überblick:
Praxis-Tipp: Die SBOM-Anforderung wird oft unterschätzt. Für komplexe Softwareprodukte mit dutzenden oder hunderten Abhängigkeiten ist die Erstellung und Pflege einer vollständigen SBOM ein erheblicher Aufwand. Beginnen Sie jetzt mit der Tooling-Evaluierung. Tools wie CycloneDX, SPDX oder Syft können den Prozess automatisieren -- aber die Integration in bestehende Build-Pipelines braucht Zeit und Testing.
Ziel: Vollständige Sichtbarkeit über alle betroffenen Produkte.
| Aufgabe | Details | Verantwortlich |
|---|---|---|
| Produktinventar erstellen | Alle Produkte mit digitalen Elementen erfassen | Product Management |
| Kategorie zuordnen | Default, Important I/II oder Critical | Product Management + Legal |
| Lieferkette analysieren | Welche Drittkomponenten sind enthalten? | Engineering |
| SBOM-Prozess starten | Tooling evaluieren, erste SBOMs erstellen | Engineering |
| Open-Source-Audit | Alle OSS-Komponenten identifizieren und Lizenzen prüfen | Engineering + Legal |
Quick Win: Beginnen Sie mit Ihrem umsatzstärksten Produkt. Das schafft Prozesse, die sich auf andere Produkte übertragen lassen.
Ziel: Verstehen, wo Sie stehen und was fehlt.
| Anforderung | Status | Gap | Aufwand |
|---|---|---|---|
| Security by Default | Teilweise | Default-Passwörter in 2 Produktlinien | Mittel |
| Verschlüsselung | Erfüllt | -- | -- |
| SBOM | Nicht vorhanden | Vollständig aufbauen | Hoch |
| Schwachstellen-Management | Teilweise | Kein koordinierter Disclosure-Prozess | Mittel |
| Meldeprozess (Single Reporting Platform) | Nicht vorhanden | Aufbauen | Hoch |
Ziel: Die seit dem 11. September 2026 geltenden Meldepflichten zuverlässig erfüllen.
Kritisch: Die Meldepflichten gelten seit dem 11. September 2026. Die erste harte Deadline ist damit verstrichen. Ein aktiv ausgenutzter Zero-Day in Ihrem Produkt, für den Sie nicht innerhalb von 24 Stunden eine Frühwarnung abgeben, ist bereits heute ein Verstoß. In Deutschland sitzen das koordinierende CSIRT (CERT-Bund) und die CRA-Marktüberwachung beide im BSI.
Ziel: Produkte erfüllen die technischen Anforderungen aus Annex I.
Empfehlung: Integrieren Sie Security-Reviews in bestehende Sprint-Zyklen statt separate Security-Sprints zu planen. Das ist nachhaltiger und reduziert Reibung im Entwicklungsteam. Threat Modelling als Teil des Feature-Designs wird langfristig mehr Wirkung zeigen als nachträgliche Penetrationstests allein.
Ziel: Nachweis der CRA-Konformität und Marktzulassung.
| Produktkategorie | Bewertungsverfahren | Timeline |
|---|---|---|
| Default | Self-Assessment, technische Dokumentation | 2-4 Wochen |
| Important Class I | Self-Assessment + Standardnachweis | 1-3 Monate |
| Important Class II | Third-Party-Assessment beauftragen | 3-6 Monate |
| Critical | EU-Zertifizierung | 6-12+ Monate |
Warnung: Für Important Class II und Critical-Produkte sollten Sie die benannte Stelle spätestens Anfang 2027 kontaktieren. Die Kapazitäten werden begrenzt sein, wenn alle gleichzeitig eine Zertifizierung brauchen.
Für Unternehmen, die KI-basierte Produkte entwickeln oder vertreiben, entsteht ein regulatorisches Dreieck: CRA, EU AI Act und branchenspezifische Regulierung.
Jedes KI-Produkt, das als Software oder als Gerät mit eingebetteter Software auf den Markt gebracht wird, fällt unter den CRA. Das betrifft:
| Aspekt | CRA | EU AI Act | Synergie |
|---|---|---|---|
| Fokus | Cybersecurity des Produkts | Sicherheit und Grundrechte | Ergänzend |
| Risikomanagement | Schwachstellen, Angriffsfläche | Bias, Fairness, Transparenz | Integriertes Framework möglich |
| Dokumentation | Technische Dokumentation (Annex VII) | Technische Dokumentation (Art. 11) | Gemeinsame Dokumentenstruktur |
| Updates | Security-Patches verpflichtend | Modell-Monitoring | Gemeinsamer Update-Prozess |
| Bewertung | Konformitätsbewertung | Conformity Assessment | Parallele Durchführung |
Praxisempfehlung: Bauen Sie ein integriertes Compliance-Framework auf, das beide Verordnungen abdeckt. Die Dokumentationsanforderungen überschneiden sich erheblich -- wer sie getrennt behandelt, verdoppelt den Aufwand.
| Verstoß | Höchststrafe |
|---|---|
| Nichterfüllung wesentlicher Anforderungen (Annex I) | €15 Mio. oder 2,5% des weltweiten Jahresumsatzes |
| Nichterfüllung sonstiger Pflichten | €10 Mio. oder 2% des weltweiten Jahresumsatzes |
| Falsche, unvollständige oder irreführende Angaben | €5 Mio. oder 1% des weltweiten Jahresumsatzes |
Darüber hinaus: Marktüberwachungsbehörden können Produkte vom Markt nehmen lassen oder den Verkauf untersagen. Das ist in der Praxis oft schmerzhafter als die Geldstrafe -- ein Verkaufsverbot trifft das Kerngeschäft direkt.
Vergleich mit anderen Regulierungen: Die CRA-Strafen liegen unter den Höchststrafen des EU AI Act (€35 Mio. oder 7%) und der DSGVO (€20 Mio. oder 4%), aber das Risiko eines Marktausschlusses macht den CRA potenziell einschneidender. Ohne CE-Kennzeichnung darf das Produkt schlicht nicht mehr in der EU vertrieben werden.
Realität: Der CRA gilt für ALLE Produkte mit digitalen Elementen. Reine Softwareprodukte, Desktop-Anwendungen, mobile Apps und Firmware -- alles fällt darunter, sofern es auf dem EU-Markt bereitgestellt wird.
Realität: Wenn Sie Open-Source-Komponenten in ein kommerzielles Produkt integrieren, tragen SIE die volle CRA-Verantwortung für diese Komponenten. Inklusive Schwachstellen-Management und Security-Updates.
Realität: Richtig, reine SaaS-Lösungen fallen nicht direkt unter den CRA. Aber: Wenn Ihr Produkt herunterladbare Komponenten hat (Desktop-Client, Mobile App, On-Premise-Modul), fallen diese Teile unter den CRA.
Realität: Die bestehende CE-Kennzeichnung deckt den CRA nicht ab. Sie brauchen eine neue Konformitätsbewertung, die spezifisch die Cybersecurity-Anforderungen des CRA adressiert.
Der CRA existiert nicht isoliert. Für die meisten Unternehmen entsteht ein Geflecht aus Regulierungen, die zusammen betrachtet werden müssen:
| Regulierung | Fokus | Überschneidung mit CRA |
|---|---|---|
| EU AI Act | KI-Sicherheit und Grundrechte | Konformitätsbewertung, Dokumentation, Risikomanagement |
| NIS2 | Cybersecurity von Unternehmen | Incident Reporting, Supply Chain Security |
| CRA | Cybersecurity von Produkten | -- |
| DSGVO | Datenschutz | Datenverarbeitung in Produkten |
| Produkthaftungsrichtlinie | Haftung für fehlerhafte Produkte | Software explizit einbezogen |
Strategie: Wer NIS2-Compliance bereits aufgebaut hat, kann viele Prozesse (Incident Response, Schwachstellen-Management) für den CRA wiederverwenden. Wer ein AI Risk Assessment bereits durchführt, hat eine gute Grundlage für die CRA-Risikoanalyse.
Wenn Sie eine dieser Fragen nicht mit einem klaren "Ja" beantworten können, ist jetzt der richtige Zeitpunkt, die Umsetzung zu starten. Die erste Deadline ist bereits verstrichen, die zweite folgt im Dezember 2027.
22. Februar 2026, 13 Min. Lesezeit
17. September 2026, 11 Min. Lesezeit
13. August 2026, 10 Min. Lesezeit
Für Vorträge, Interviews und fachlichen Austausch erreichen Sie mich direkt. Projekte und Beratung laufen über meinen Arbeitgeber ADVISORI, den Kontakt stelle ich gern her.